Wahrheit und /oder Inszenierung in der privaten Fotografie.

Ein Essay über Privatheit in der zeitgenössischen Fotografie . Von Karin Pelzer

 

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(Bild: Privat)

 

Der Magnum-Fotograf Christopher Anderson, bekannt durch seine Fotografien existenzieller Extremsituationen in Kriegs-und Krisengebieten, hat kürzlich die Geschichte der Geburt seines Sohnes und zeitgleiche Krebserkrankung seines Vaters in einem Bildband veröffentlicht. Damit folgt er dem aktuellen Trend, Teile seines privates Lebens zu publizieren und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Das Buch von Christopher Anderson erzählt uns (s)eine persönliche Geschichte, die Bilder sind und bleiben jedoch die eines professionellen Fotografen, der das Berührende ins ein vorteilhaftes Licht zu setzen weiß und den nötigen Abstand zu den Themen findet, bestimmte Bilder funktionieren gut.

Diese Form gab es in der Kunstgeschichte schon immer: Sich selbst zu fotografieren, sein nahes Umfeld, und darüber zu schreiben, es hatte in erster Linie den Zweck, sein eignes Leben und seine Innenwelt zu dokumentieren – in erster Linie für sich selbst und nicht für andere.

In den 60ern wurde dann in unbürgerlichen Künstlerkreise begonnen, das Privatleben nach außen zu kehren, die Entprivatisierung als Protest gegen die verlogene Spießigkeit der 50er Jahre.

Heutzutage bekommt das Nachaußenkehren der Privatheit jedoch eine neue Dimension: Nicht nur mit den neuen Medien, permanenter Verfügbarkeit und vielfältigen Kommunikationskanälen wird Privatheit in der Fotografie einer anonymes Masse dargeboten, die kein direktes Feedback mehr anbietet. Die Reaktionen anderer bleiben dem Zurschaustellenden in der Regel verborgen, machen unkontrolliert angreifbar.

Auch bekannte Fotografen und Künstler arbeiten immer häufiger bewusst mit der eigenen intimen Privatheit. Ob die Alzheimererkrankung der Eltern, die Geburt des eigenen Kindes, die Krebserkrankung der besten Freundin – immer wieder und immer öfter finden sich diese Themen in der aktuellen Fotografie.  Und doch scheint es immer mehr so, als wenn diese Lebenswelten vielleicht gar nicht das reale Leben spiegeln, sondern einfach nur als Trend erkannt werden. Nicht jedes Leben und jede Geschichte im privaten Bereich ist interessant genug, um zu interessieren. Wird da nicht dann vielleicht doch etwas nachgeholfen im Wahrheitsgehalt? Und was ist, wenn der Fotograf letztendlich doch nur seine Wunschvorstellung uns anbietet, die aber wenig mit dem Abbild seines eigentlichen Lebens zu tun haben? Und wenn sein Leben, so wie es ist, überall zu sehen ist. Ist es nicht sogar sinnvoll, sich schützend davorzustellen: aber das ist doch Kunst (und nicht real)?! Eben, weil die Verbreitung der Bilder so immens ist. In der Kunst ist alles erlaubt, aber nicht bei der Google-Bildersuche, dies zu trennen ist kaum möglich.  Da wurden die Verkehrblitzbilder eines Freundes, die als Kunstwerk zusammengesammelt im Internet zu sehen waren, mit der Bemerkung “Du fährst wohl öfter gern mal zu schnell” kommentiert. Und dies ist noch gar nichts gegen die Gedankenwelt der zukünftig neue Freundin, die Ihre Vorgängerin in allen Lebenslagen nackt nachverfolgen kann…

Also, wenn wir alles der Kunst zuschieben, können wir sagen, es ist alles Inszenierung und distanzieren uns gleich wieder. Und wenn es aber echt ist. Und wenn echt inszeniert ist?

Die Kuratorin Martina Weinhart hält privates Zurschaustellen in der Öffentlichkeit und Authentizität fast schon für einen Widerspruch an sich: „Privatheit ist immer auch inszeniert. Jedes Bild ist inszeniert. Es gibt nicht das Bild, das zufällig vom Himmel fällt. Privatheit ist immer eine Konstruktion. Das war schon in den 60er Jahren so, bei Andy Warhol.“ (Quelle: http://www.dw.de/was-ist-privat-und-was-macht-die-kunst-daraus/a-16351363)

Für den norwegische Schriftsteller Karl Ove Knausgard, der sein Leben, Familie und Freunde in einer radikalen Subjektivität und Umfassenheit beschreibt, war dies immer der Weg, sein Leben in seiner Banalität und Fremdbestimmtheit zu seinem eigenen zu machen.  Auf die Fotografie bezogen: das Leben sich dadurch anzueignen und anderen anzubieten –  wenn das gelingt – unabhängig von Kunstmarktströmungen oder Neue-Medien-Beliebigkeit - ist dies in seiner subjektive Aufrichtigkeit die Größte aller möglichen Wahrheiten.

 

Berlin 27.11.13